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Was ist die „VG“?
„VG“ ist die Abkürzung für „Vereinigte Gesellschaft zu Langenberg (Rhld)“, die 1798 gegründet wurde. Diese Herrengesellschaft hat 1895 das Haus in der Hauptstraße 84 gebaut und nutzt dieses zum Zwecke des Vereinslebens. Umgangssprachlich wird sowohl die Gesellschaft als auch das Haus Hauptstaße Nr 84 als „VG“ bezeichnet.
20. Dezember 1798:
Die Vereinigte Gesellschaft zu Langenberg wird gegründet.
Bürgerliche Vereinigungen waren um 1800 in Deutschland durchaus nichts Ungewöhnliches. Es gab zu dieser Zeit bereits eine Anzahl von aufklärerischen und patriotischen Gruppen, dazu Lesegesellschaften, die es sich zur Aufgabe gemacht hatten, den Bürgern unter anderem französische Schriften und damit neues Gedankengut zugänglich zu machen.
Auch in Elberfeld gab es solche Lesegesellschaften, und es ist anzunehmen, daß diese indirekt an der Entstehung der VG beteiligt waren, indem ihre Existenz die elf Gründungsmitglieder zu ihrer Entscheidung ermutigte.
Am 20. Dezember 1798 setzten sich also elf Herren aus Bergisch und Märkisch- Langenberg zusammen und begannen damit, eine Satzung für die gerade aus der Taufe gehobene Vereinigte Gesellschaft zu verfassen. Etwas über zwei Wochen darauf, am 5. Januar 1799, hatten sie dann ihre „Gesezze“ ausgearbeitet und damit einstimmig die erste Satzung der VG als eine Herrengesellschaft beschlossen.
Die Gründungsmitglieder waren neben Kaufleuten und Fabrikanten ein Arzt, ein Apotheker, ein Rechtsanwalt und ein Wirt. Ihre Gesellschaft stellte mit ihrer eigenen demokratisch ausgerichteten Konstitution eine bürgerliche Gegenbewegung zum vorherrschenden politischen Absolutismus dar. Sie war eine geschlossene Vereinigung, und neue Mitglieder konnten nur nach Vorschlag durch ein Mitglied und nach einer Abstimmung, der sogen. „Kugelung“, aufgenommen werden. Dies erachteten die Gründer der VG für notwendig, um sicherzustellen, daß es möglich war, „die Freuden der Geselligkeit im Kreise geprüfter Menschen nach frey gewählten, Ruhe und Ordnung sichernden Gesätzen zu genießen,“ wie es in einer Schrift von 1799 nachzulesen ist.
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Langenberg hatte zur Zeit der Gründung der Vereinigten Gesellschaft im Vergleich zu anderen Landgemeinden mit seiner Bevölkerung von 1.5oo Personen eine relativ hohe Einwohnerzahl. In der heutigen Großstadt Gelsenkirchen lebten beispielsweise im selben Jahr gerade einmal 35o Menschen. Das Jahr 1798 war nicht nur für die Langenberger ein schweres Jahr, denn es endete mit einem bitterkalten Winter. Es wird berichtet, daß der Rhein sogar mit Pferd und Wagen befahren werden konnte. Dazu kam noch eine Hungersnot in der Region, die so schlimm war, daß die evangelische Kirchengemeinde Langenberg sogar ihre Abendmahlsgeräte versetzen mußte. Aber auch aus der Runde der elf VG-Gründer kam Unterstützung für die Armen des Ortes.
Langenberg war weit über die Region hinaus bekannt für das dort hergestellte Tuch, die Messerschmieden und Papiermühlen. Außerdem begann man mit der Fabrikation von Seidentüchern und Bändern. die später auch im Ausland Gefallen finden sollten.
Vor 200 Jahren war die Vereinigte Gesellschaft zu Langenberg eine von einer ganzen Anzahl bürgerlicher Vereinigungen in Deutschland. Heute ist sie wahrscheinlich die älteste noch bestehende Gesellschaft ihrer Art.
Ein festes Heim für die Vereinigte Gesellschaft
Wenn heute von der „VG“ die Rede ist, denken viele Langenberger zuallererst an das Gebäude Nummer 84 in der Hauptstraße, das inzwischen nicht mehr „nur“ und ausschließlich das Zuhause der Vereinigten Gesellschaft ist. Räume und Kegelbahn können inzwischen auch von Nicht-Mitgliedern für private Feierlichkeiten genutzt werden. Aber die VG war nicht von Anfang an in diesem Gebäude, ihre Mitglieder haben sich im Laufe der Jahre auch in anderen Räumlichkeiten getroffen.
Die ersten Treffen der Mitglieder der VG fanden höchstwahrscheinlich in den Räumen eines Gründungsmitgliedes statt. Die Vereinigte Gesellschaft brauchte aber, um wirklich eine geschlossene, private Gesellschaft sein zu können, „private“, feste Räumlichkeiten, und so kam es schon kurz nach der Gründung zur Anmietung von Räumen in der Gaststätte „Groß Primes“, in der Hellerstraße. Es gab dort ein Gesellschaftszimmer, in dem stets verschiedene Zeitungen, Schriften und Bücher zur Lektüre bereitlagen. Um die Geselligkeit zu fördern, wurde ebenfalls bereits im ersten Jahr eine Kegelbahn angemietet, und in den Räumen, die allen Mitgliedern jeden Tag – mit Ausnahme der Weihnachtsfeiertage – offen standen, wurden Bier und Wein ausgeschenkt.
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Im Frühjahr 1801 fing man dann an, nach einem eigenen Haus für die VG Ausschau zu halten, und bereits im Mai desselben Jahres hatte man zwei infrage kommende Gebäude ausfindig gemacht, „nemlich die Lilie, und das End,“ wie es in einem Protokoll vom 2. Mai desselben Jahres vermerkt ist. Man entschied sich schließlich, nachdem beide ausführlich in Augenschein genommen worden waren, für das Haus „Am End“, und schon am 3. Mai wurde der Vertrag über den Kauf des Hauses abgeschlossen. Ein Teil des Hauses konnte vermietet werden, für den anderen Teil hatte die VG große Pläne: Zwei Nebenzimmer sollten zu einem großen Raum umgebaut und ein zweistöckiger Anbau angebracht werden, wie die Mitglieder 1802 beschlossen. Die Arbeiten hieran wurden vermutlich erst nach 1804 beendet. An dem Gebäude wurden später noch weitere Umbauten durchgeführt; so wurde zum Beispiel 1867 ein Eiskeller zur Lagerung von Bier und Wein angebaut, der hauptsächlich dem zu jener Zeit betriebenen Weinhandel dienen sollte, und pünktlich zum 75. Stiftungsfest im Jahr 1873 wurden auch die Arbeiten am neuen Festsaal beendet.
1894 wurde das Haus „Am End“, das für die Aktivitäten der VG zu klein geworden war, abgerissen und der heute noch stehende Bau unter Beibehaltung des Festsaales errichtet, in dem 1898 das 100. Stiftungsfest gefeiert wurde. Die folgenden Jahre waren eine bewegte Zeit. Man könnte wohl viele Dinge darüber berichten, von denen hier nur einige aufgezählt werden sollen.
Nach dem ersten Weltkrieg wurden die Räumlichkeiten von den Besatzern kurzerhand zu einem französischen Offizierskasino umfunktioniert.
Im Jahre 1942 sollte das Haus dann wegen anstehender Schulden zwangsversteigert werden, und nur durch erhebliche Spenden aus dem Mitgliederkreis blieb der VG das Gebäude erhalten.
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1944 wurden die Räume der VG beschlagnahmt und zweckentfremdet: Die N.S.D.A.P. hielt dort im letzten Jahr des zweiten Weltkrieges NS-Schulungskurse ab. Gleich anschließend belegte dann ein Kriegslazarett die Räumlichkeiten, und einzig und allein die Kegelbahn blieb den Mitgliedern der VG zur Benutzung offen. Bis Mitte Mai 1949 änderte sich an der Situation kaum etwas.
Gegen Ende des Krieges konnten die Mitglieder den Wein, den sie nicht missen wollten, durch eine List vor den Besatzern in ihrem Gebäude verbergen: Man mauerte das begehrte Gut im Keller ein. Die sichbaren Schäden, die durch den Krieg am Haus enstanden waren, konnten repariert werden.
Feier zum 100jährigen Stiftungsfest
In den 60er Jahren wurden dann Großreparaturen notwendig. Der Saal war baufällig, denn Wasser sickerte durch das Dach, wodurch einige tragende Balken morsch geworden waren. So mußte der große Saal 1965 ganz gesperrt werden. Die Reparaturkosten waren enorm. Daher wandte man sich an den Landeskonservator auf der Suche nach finanzieller Unterstützung. Erst 1968 konnten die nötigen Reparaturen vorgenommen werden, obgleich man angesichts der hohen Kosten überlegte, ob man das Haus verkaufen müsse. Die Stadt signalisierte zwar Interesse, doch zum Verkauf ist es glücklicherweise nicht gekommen. 1970 mußte dann die Mauer zum Ölersberg zu Teil teilweise abgetragen und saniert werden, da die Mängel daran einfach zu groß geworden waren.
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Auch die Räume und die Einrichtungen, die zum Teil noch aus dem vergangenen Jahrhundert stammten, mußten erneuert werden. So berichtet zum Beispiel ein Mitglied im Jahre 1971: „Es befanden sich in Club- und Herrenzimmer noch mehrere Sofas, auf denen zu sitzen keine Freude war.“ Was die anderen Räume und auch die sanitären Anlagen angeht, muß es ähnlich ausgesehen haben. In Anbetracht des Aufwandes und der Kosten, die die Erhaltung des ganzen Gebäudes erforderte, kam man schließlich zu dem Entschluß, einen Teil des Gebäudes einer „selbständig wirtschaftenden Ökonomie“ zu überlassen, war man doch zu dem Konsens gekommen, „Exclusivität ist schön, Überleben ist besser!“
Um eine der Öffentlichkeit zugängliche Gastronomie in den Räumlichkeiten möglich zu machen, waren umfassende Renovierungen notwendig, bei deren Finanzierung sich der Landeskonservator sowie Stadt und Land in nicht unerheblichem Maße beteiligten.
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1979 begann man mit der Sanierung des Hauses, und die Arbeiten wurden im folgenden Jahr beendet. An die finanzielle Unterstützung bei der Sanierung war ein Vertrag gekoppelt, demzufolge die VG das unter Denkmalschutz stehende Gebäude für die Öffentlichkeit zugänglich machen sollte.
Mit einem selbständigen Pächter und den Räumen, die nun also auch von Privatpersonen genutzt werden können, hat sich die Vereinigte Gesellschaft wieder erholt. Es bliebt aber die Notwendigkeit, jedes Jahr erhebliche Mittel für die Erhaltung des denkmalgeschützten Gebäudes aufzuwenden.
Die Vereinigte Gesellschaft im Kulturleben von Langenberg
Wer sich mit der Geschichte der Vereinigten Gesellschaft befasst, wird immer wieder von ihren musikalischen Aktivitäten erfahren. Bereits das Haus „Am End“ war dafür bekannt, daß es eine offene Tür, einen freien Raum für „die Tonkunst“ hatte, wie es heißt. Die „Musikalische Gesellschaft“, die 1822 zum ersten Mal in Erscheinung trat, konnte den Saal der VG für ihre zuerst nur instrumentalen, seit 1833 auch für ihre Chordarbietungen nutzen.
Damit hatte eine lange Tradition der Musikförderung durch die VG begonnen, aus der auch der Bürgerhaus-Chor hervorging, der nun schon seit 150 Jahren besteht und vielen Langenbergern sehr wohl ein Begriff ist.
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Ihr Gefallen an der Musik hatten die Mitglieder der VG schon zum ersten Stiftungsfest im Jahre 1800 deutlich gemacht. Es gab schon damals ein Konzert, und man beschloß bei dieser Gelegenheit, in jedem Jahr zum Stiftungsfest ein Konzert zu veranstalten. Von jenem Zeitpunkt an waren musikalische Darbietungen für die Langenberger Bevölkerung ein fester Bestandteil der Aktivitäten der VG. Gespielt wurden Stücke von Mozart, Haydn, Mendelssohn-Bartholdy, Brahms, Schubert und zahlreichen zeitgenössischen Komponisten.
Nachdem sich der Bürgerhaus-Chor gegründet hatte, gab es zwar weiterhin verschiedene musikalische Aktivitäten der VG, doch waren diese nun vornehmlich für Mitglieder und deren Gäste oder Freunde gedacht. Öffentlich zugänglich waren allerdings immer noch die wissenschaftlichen Vorträge.
Nicht zu allen Vorträgen, die von der VG organisiert wurden, gibt es Aufzeichnungen, aber die vorhandenen Themenkataloge geben bereits einen guten Eindruck von der Natur und Vielfältigkeit der Veranstaltungen.
Der erste Vortrag, von dem berichtet wird, wurde 1859 von Dr.Clamor Topp gehalten und beschäftigte sich eingehend mit dem „Parzival“ von Wolfram von Eschenbach. Viele Vorträge sollten noch folgen, und die stets wechselnden Referenten behandelten nicht nur Themen aus Kunst und Literatur, sondern auch neue Erkenntnisse der Naturwissenschaften. Zum Beispiel sprach Prof. Dr. J.C. Fuhlrott 1864 vor den Langenbergern über „Das Alter des Menschengeschlechtes“, wobei er ausführlich auf seinen Fund des Neandertaler-Schädels einging, und im Jahre 1861 berichtete Dr. Nagel von den „Entdeckungen in Afrika“. Alle Veranstaltungen waren mit Sicherheit eine Bereicherung für Langenberg.
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Nach dem ersten Weltkrieg hatte die VG nur sehr begrenzte Finanzmittel, so daß öffentliche Veranstaltungen seltener, im Falle der Vorträge sogar ab Ende der 20er Jahre gar nicht mehr stattfanden. Inzwischen förderte die Stadt selbst Vorträge und musikalische Veranstaltungen in eigenen Räumlichkeiten im Bürgerhaus.
Seit 1947 gab es wieder regelmäßige Vorträge, denn man wollte das Altbewährte, die allgemeinbildende schöngeistige Unterhaltung neu beleben. Der erste Vortrag nach dieser langen Pause wurde von dem damals ortsansässigen Architekten Winters gehalten und trug den Titel „Gedanken zum Stadtbild Langenbergs“. Im Januar des nächsten Jahres gab es Ausführungen über „Friedrich Hölderlin als Künder der deutschen Seele“.
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Es war nicht direkt die bürgerliche Vereinigung, wohl aber waren es ihre Mitglieder, die mehrfach das Stadtbild veränderten: Zum Beispiel spendeten Mitglieder zur Gründung des Verschönerungsvereines 1883 einige größere Waldstücke, die so den Langenbergern zur Erholung zugänglich wurden. 1845 stiftete man das erste Kranken- und Armenhaus. Auch an der Eröffnung des ersten Hallenbades im gesamten Rheinland, im Jahre 1896, waren vornehmlich VG-Mitglieder beteiligt, das Bürgerhaus ist Stiftung eines VG-Mitgliedes und die erste Volksbibliothek in Langenberg wurde 1906 ebenfalls durch ein Mitglied der Vereinigten Gesellschaft ins Leben gerufen. .
So hat diese Vereinigung auf verschiedene Weise ihre Spuren in der Stadt Langenberg hinterlassen.
